Geschichtsunterricht und Identitätsbildung im Spannungsfeld von Individualität, Kulturalität und Globalität

M. Michael Zech

Abstract


Geschichtsunterricht und die aus ihm resultierenden Angebote zu Identitätsbildung realisieren sich gegenwärtig in einer von Interkulturalität und Globalität, aber auch von Neototalitarismus und Neonationalismus geprägten Welt. Während die Mehrheit heute ihre Identitätsbildung in einem offenen, lebenslangen Balanceprozess zwischen Selbst- und vielschichtigen und immer neuen Fremderwartungen vollzieht, sieht ein Teil der europäischen Gesellschaft sich davon offensichtlich überfordert und will zurück zur Vermittlung einer definierten kollektiven oder ideologisch begründeten Identität. Vor diesem Hintergrund werden Funktion und Beitrag des Geschichtsunterrichts für den Aufbau eines offenen, auf Alteritätsverstehen und Ambiguität basierenden Bewusstseins diskutiert. In diesem Zusammenhang wird auch eine Erweiterung des Identitätskonzepts über die Ebene des Geschichtsunterrichts vorgeschlagen. Da sich heute Selbstfindung zwischen Innen- und Außenerwartung bzw. zwischen Ich- und Wir-Identität vollzieht, wobei einerseits eine eindeutige, geschlossene Wir-Identität in den komplizierten, vielschichtigen, hybriden Kulturbedingungen auszuschließen ist, andererseits sich aber der Kampf um Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit, ein biosphärisch-ökologisches Bewusstsein etc. global und transkulturell vollzieht, ergibt sich für die ständige Aushandlung des Selbstverständnisses das Spannungsfeld des Subjektbezugs (personale Identitätskriterien), des vielschichtigen Kulturbezugs (kollektive Identitätskriterien) sowie des ideellen Menschheitsbezugs, welcher sich transpersonal, transregional und transnational in der Achtung und Respekt zu allen Menschheitsangehörigen bzw. der gemeinsamen Lebensgrundlage definiert. In einem zweiten Schritt wird untersucht, ob und wie weit das an den Waldorfschulen verfolgte kulturgeschichtliche Konzept zu einer individuellen Wertebildung beitragen kann, die sich auf historische Reflexion der eigenen Situation in Offenheit für kulturelle Vielfalt und in globaler bzw. menschheitlicher Weitung gründet, also ein sich stets weiter entwickelndes bzw. wandelndens, Neues integrierendens Selbst- und Gesellschaftsverständnis anregen kann.

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